US Soccer: Ausgeschieden, aber doch gewonnen
Heute Mittag in Iowa City: eine bis auf den letzten Platz gefüllte Sportsbar, auf den Tischen Chicken Wings und Budweiser-Biere und im Eingangsbereich Zuspätgekommene, noch immer in der Hoffnung auf einen der begehrten Sitzplatz. Die Augen sind auf die zahlreichen Bildschirme gerichtet, die alle nur ein Ereignis zeigen: Fußball! Was sich zunächst anhört wie eine Super-Bowl-Party enpuppt sich als die amerkanische Art, eine Fußballweltmeisterschaft zu feiern.
Die Begeisterung für das Achtelfinalspiel war kein Einzelfall. Mit einigem Staunen habe ich in den letzten Wochen festgestellt, dass die Amerikaner ein doch größeres Interesse an Soccer haben, als ich das zunächst vermutet hatte. Bei manchen ist das Interesse sogar in wahre Begeisterung umgeschlagen. Bestes Beispiel war der Fußballfan im US-Trikot am Tisch vor mir. Nach 120 Minuten lautarkem Anfeuern will er die Nachspielzeit der Verlängerung nicht mehr sehen. Vor lauter Enttäschung hat er seinen Kopf (inklusive patriotischem Stirnband) auf den Tisch gesenkt. Das drohende Ende ist nur schwer zu ertragen. Als er sich nach Schlusspfiff wieder aufrichtet, verdeckt eine Sonnenbrille den allzu offensichtlichen Beleg seiner Enttäuschung.
Dieser tapfere US-Fan ist natürlich kein Spiegelbild des Normal-Amerikaners. Doch die Weltmeisterschaft in Südafrika belegt, dass der Fußball und die USA sich näher gekommen sind. Trotz der ungünstigen Startzeiten – für das Deutschland-Serbien-Spiel aufzustehen war wirklich kein Vergnügen – zieht die WM Millionen vor die Fernseher. Fast 13 Millionen sahen das US-Spiel gegen England, für das Achtelfinale mögen es wohl noch einige mehr gewesen sein. Ein Rundblick in der Bar bestätigt, dass der Fußball in den USA eine Nische gefunden hat. Es sind vorwiegend junge Akademiker ab Mitte 20, die den Kern der Fußball-Fanschar ausmachen. Es ist also die Generation, die im Gegensatz zu den Eltern schon in Kindertagen mit dem Sport in Kontakt gekommen ist, die sich nun im besonderen Maße mit dem Fußball anfreunden kann.
Der Kontakt mit einer Sportart in jungen Jahren scheint also ein wichtiger Faktor für die spätere Verbundenheit zu sein. Das würde auch erklären, warum sich bei uns niemand so wirklich für Baseball und American Football interessiert. Was auf den ersten Blick langweilig wirkt, kann sich auf Dauer nicht durchsetzen. Der Vater eines Freundes hier, der mit uns das Deutschland-Spiel gegen Ghana schaute, sagte mir: „Je mehr Spiele ich mir anschaue, desto mehr weiß ich, was auf dem Platz so los ist.“ Offenbar waren es aber immer noch nicht genug Partien für ihn, denn gegen Spielende war er auf dem Sofa eingenickt. (Zu seiner Verteidigung: das war aber auch ein ödes Gekicke in den letzten Minuten.)
Da der Fußball nun doch einige Wurzeln geschlagen hat, diskutierten die Medien nun eifrig die Frage, ob der Sport sich hier auch dauerhaft durchsetzen kann. Schließlich schickte der Präsident sogar ein Glückwunschtelegramm an das Team und im Stadion unterstützte ein Ex-Präsident im Jogginganzug die Mannschaft. Realistisch betrachtet wird Fußball nie die ur-amerikanischen Sportarten wie Football, Baseball oder Basketball verdrängen. Doch halte ich es für möglich, dass der Sport sich neben Eishockey als vierte Sportart des Landes etablieren kann – auch weil sich die Major League Soccer etwas unbemerkt zu einer guten Liga mit solider Fanbasis, schönen Stadien und ordentlichem Niveau gemausert hat.
Die politische Rechte des Landes will diese Entwicklung natürlich nicht wahr haben. Der ist der Sport zu international und wahrscheinlich auch zu multikulturell mit Namen wie Bocanegra, Adu und Onyewu im eigenen Team. Gern wird auch erwähnt, dass der Sport zu ethnischer Gewalt führt. Und da wäre noch das Totschlag-Argument: „Der Sport ist einfach langweilig.“ Die Weltmeisterschaft zeigt, dass dieser Klassiker bei vielen Amerikanern nicht mehr zieht. In gewisser Weise hat Soccer einen festen Platz im erweiterten Sport-Menü der Amerikaner erobert. Und das, obwohl der Fußball immer noch ein Szenario parat hat, das dem actionverliebten US-Sport-Fan unruhige Nächte bereitet: eine Partie nämlich, in der niemand punktet und es keinen Sieger gibt.
saustark, auf so nen eintrag hatte ich schon gehofft
!
Philipp - June 27, 2010 at 10:09 am |