Schmayton in Iowa
Mein Auslandsjahr an der University of Iowa

Der Staat: Amerikas größter Feind

Während unseres Road-Trips kamen wir vor einer Bar in Austin mit einem jungen Paar ins Gespräch, das dem Dialekt nach aus dem tiefen Süden der USA stammen musste. Unsere Unterhaltung erreichte schnell das Politische, als der weibliche Part der Beziehung eines der Top-Themen der vergangenen Monate in die Runde warf: die Reform des amerikanischen Gesundheitssystems. Gefragt nach meiner persönlichen Einschätzung dazu erklärte ich also meine Ansicht zu diesem heiklen Thema, wobei ich darauf hinwies, dass ich eine gesetzlich verankerte Versicherungspflicht wie ich sie aus Deutschland kenne richtig finde. Die Befürwortung eines gesetzlichen Versicherungsschutzes löste auf der anderen Seite Unverständnis aus. Man könne doch ein Milliarden-Geschäft wie das Gesundheitssystem nicht in die Hände des Staates legen. Unsere Gesprächspartnerin war der Ansicht, dass dort sowieso nur Unfähige und Verbrecher zu finden sind, denen man auf keinen Fall noch mehr Machtbefugnisse gewähren sollte. Das Gesundheitssystem müsse unter allen Umständen privat bleiben, um den zerstörerischen Einfluss, den Washington ohnehin schon auf das öffentliche amerikanische Leben ausübt, nicht noch größer werden zu lassen. Nach diesem Vortrag antwortete ich nur noch, dass ihr Verhältnis zur Rolle des Staates in der Gesellschaft vielleicht etwas zu negativ sei, sah aber auch schnell ein, dass meine Einschätzungen bei einer solch strammen Konservativen nicht viel bewirken.

Die fundamentale Angst vor dem Staat, wie ich sie in diesem Gespräch erlebt habe, ist bei weitem kein Einzelfall. Beinahe täglich höre ich diese Art von Aussagen, deren Inhalt beinahe schon von paranoiden Vorstellungen zeugt. Gewöhnt an einen Staat, der große Teile des sozialen Netzes über seine Bürger spannt, klingen solche Kommentare für meine europäischen Ohren oft sehr befremdlich. Was ist denn so furchtbar schlimm an einem Staat, der die Solidarität innerhalb der Gesellschaft herstellt und dafür mit einer breiten Palette von Befugnissen ausgestattet sein muss? Obwohl wir in Deutschland ja gerne unsere Witze über das Beamtentum machen, wird der Staat trotz der oft gerechtfertigten Forderungen nach Bürokratieabbau nicht in Ansätzen so dämonisiert wie ich es in den USA erlebe. Während meiner Zeit hier habe ich mir häufiger die Frage gestellt, wie diese tief sitzende Furcht vor Vater Staat zu erklären ist? Ein wichtiger Grund dürfte in der Geschichte des Landes liegen. Schließlich lässt sich die Gründung der Vereinigten Staaten auf die Rebellion gegen eine als unterdrückerisch empfundende Zentralgewalt in London zurückführen. In der jungen Republik setzten sich dann die politischen Kräfte rund um Thomas Jefferson durch, die die persönliche Freiheit des Einzelnen betonten und die Macht des Staates so klein wie möglich hielten. Diese prägende Anfangsjahre der USA bewegen die amerikanische Gesellschaft auch heute noch, was an der allgegenwärtigen Präsenz der Gründerväter im öffentlichen Diskurs abzulesen ist.

Die immer noch breite Zustimmung findende Idee des schlanken Staates kann allerdings nicht  ausschließlich auf das Wirken der Halbgötter der ersten Jahre zurückgeführt werden. Als „immigrant nation“ haben die Vereinigten Staaten von Generation zu Generation den Zufluss von Menschen gesehen, die unter zerstörerischen Obrigkeiten gelitten haben und ihre persönliche Freiheit in den USA suchten und häufig auch fanden. Die Idee, dass die persönliche Freiheit des Einzelnen das höchste Gut der Gesellschaft darstellt, fand dadurch immer wieder neuen Nährboden. Über die Jahre hinweg hat sich diese Idee zu einem Nationalmythos entwickelt, der fester Bestandteil der amerikanischen Mentalität zu sein scheint. Davon profitieren seit langer Zeit schon die Republikaner, die sich die Forderung nach möglichst geringer Staatsmacht auf die Fahnen geschrieben haben und damit die Ansicht vieler Amerikaner treffen und verstärken. Das kritische Verhältnis zum Staat wirkt sich übrigens auch auf den amerikanischen Journalismus aus. Vielmehr als in Deutschland wird hier der investigative Journalismus gepredigt, der es sich zur Mission gemacht hat, den Mächtigen penibel auf die Finger zu schauen.

In der vergangenen Woche ist mir noch eine weitere Erklärung für das schwierige Verhältnis der Amerikaner zu ihrem Staat gekommen. Ich bin der Meinung, dass das Bild des Staates als nicht zu kontrollierender Tyrann auch gerade in Filmen und Serien verbreitet wird. Wie oft werden Staatsorgane dort als zynische Bösewichter präsentiert, die nur auf den eigenen Gewinn aus sind und sich um das leben einzelner Bürger dabei nicht besonders scheren. Dies fiel mir kürzlich besonders im Film JFK auf, wo Oliver Stone dieses Bild exakt nachzeichnet, indem er die Kennedy-Ermordung als eine von langer Hand geplante Verschwörung quasi des gesamten Staatsapparats inszeniert. Ähnliche Verschwörungstheorien lassen sich in Hunderten anderen Filmen und Serien finden und spiegeln denke ich gut das von mir beschriebene Phänomen wieder.

Natürlich will ich mich hier nicht als obrigkeitstreuer Gefolgsmann eines starken Staates hinstellen. Die Skepsis jedoch, mit der viele Amerikaner die Schaltstellen ihrer Nation beäugen, scheint mir manchmal doch etwas übertrieben. Wie mir mein erstes halbes Jahr hier gezeigt hat, ist diese  Einstellung aber fester Bestandteil der Identität dieses Landes. Die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und Europa können manchmal also doch größer sein, als man dich das meist so vorstellt. Das Thema Staat ist ein gutes Beispiel dafür.

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2 Responses to “Der Staat: Amerikas größter Feind”

  1. stimmt schon irgendwie. aber ich hab das nie so krass empfunden. wajrscheinlich liegt es zu einem daran, dass ich nicht im süden war, wo die people wild und crazy sind =P und zum anderen, dass ich den staat hier in deutschland ähnlich empfinde wie die ahmerikona ihren. ich muss ganz ehrilch sagen, dass ich mich schon irgendwie weniger FREI gefühlt habe, als ich wieder in deutschland war, aber das hatte vielleicht auch andere gründe. watt weiss isch. LIVE LONG AND PROSPER!

  2. [...] die Tea Party über Bord Hier ein kurzes Update zu einem meiner letzten Einträge. SPIEGEL ONLINE hat heute einen sehr lesenswerten Artikel über die Tea-Party-Bewegung – jene [...]


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