Schmayton in Iowa
Mein Auslandsjahr an der University of Iowa

Jun
27

Heute Mittag in Iowa City: eine bis auf den letzten Platz gefüllte Sportsbar, auf den Tischen Chicken Wings und Budweiser-Biere und im Eingangsbereich Zuspätgekommene, noch immer in der Hoffnung auf einen der begehrten Sitzplatz. Die Augen sind auf die zahlreichen Bildschirme gerichtet, die alle nur ein Ereignis zeigen: Fußball! Was sich zunächst anhört wie eine Super-Bowl-Party enpuppt sich als die amerkanische Art, eine Fußballweltmeisterschaft zu feiern.

Die Begeisterung für das Achtelfinalspiel war kein Einzelfall. Mit einigem Staunen habe ich in den letzten Wochen festgestellt, dass die Amerikaner ein doch größeres Interesse an Soccer haben, als ich das zunächst vermutet hatte. Bei manchen ist das Interesse sogar in wahre Begeisterung umgeschlagen. Bestes Beispiel war der Fußballfan im US-Trikot am Tisch vor mir. Nach 120 Minuten lautarkem Anfeuern will er die Nachspielzeit der Verlängerung nicht mehr sehen. Vor lauter Enttäschung hat er seinen Kopf (inklusive patriotischem Stirnband) auf den Tisch gesenkt. Das drohende Ende ist nur schwer zu ertragen. Als er sich nach Schlusspfiff wieder aufrichtet, verdeckt eine Sonnenbrille den allzu offensichtlichen Beleg seiner Enttäuschung.

Dieser tapfere US-Fan ist natürlich kein Spiegelbild des Normal-Amerikaners. Doch die Weltmeisterschaft in Südafrika belegt, dass der Fußball und die USA sich näher gekommen sind. Trotz der ungünstigen Startzeiten – für das Deutschland-Serbien-Spiel aufzustehen war wirklich kein Vergnügen – zieht die WM Millionen vor die Fernseher. Fast 13 Millionen sahen das US-Spiel gegen England, für das Achtelfinale mögen es wohl noch einige mehr gewesen sein. Ein Rundblick in der Bar bestätigt, dass der Fußball in den USA eine Nische gefunden hat. Es sind vorwiegend junge Akademiker ab Mitte 20, die den Kern der Fußball-Fanschar ausmachen. Es ist also die Generation, die im Gegensatz zu den Eltern schon in Kindertagen mit dem Sport in Kontakt gekommen ist, die sich nun im besonderen Maße mit dem Fußball anfreunden kann.

Der Kontakt mit einer Sportart in jungen Jahren scheint also ein wichtiger Faktor für die spätere Verbundenheit zu sein. Das würde auch erklären, warum sich bei uns niemand so wirklich für Baseball und American Football interessiert. Was auf den ersten Blick langweilig wirkt, kann sich auf Dauer nicht durchsetzen. Der Vater eines Freundes hier, der mit uns das Deutschland-Spiel gegen Ghana schaute, sagte mir: „Je mehr Spiele ich mir anschaue, desto mehr weiß ich, was auf dem Platz so los ist.“ Offenbar waren es aber immer noch nicht genug Partien für ihn, denn gegen Spielende war er auf dem Sofa eingenickt. (Zu seiner Verteidigung: das war aber auch ein ödes Gekicke in den letzten Minuten.)

Da der Fußball nun doch einige Wurzeln geschlagen hat, diskutierten die Medien nun eifrig die Frage, ob der Sport sich hier auch dauerhaft durchsetzen kann. Schließlich schickte der Präsident sogar ein Glückwunschtelegramm an das Team und im Stadion unterstützte ein Ex-Präsident im Jogginganzug die Mannschaft. Realistisch betrachtet wird Fußball nie die ur-amerikanischen Sportarten wie Football, Baseball oder Basketball verdrängen. Doch halte ich es für möglich, dass der Sport sich neben Eishockey als vierte Sportart des Landes etablieren kann – auch weil sich die Major League Soccer etwas unbemerkt zu einer guten Liga mit solider Fanbasis, schönen Stadien und ordentlichem Niveau gemausert hat.

Die politische Rechte des Landes will diese Entwicklung natürlich nicht wahr haben. Der ist der Sport zu international und wahrscheinlich auch zu multikulturell mit Namen wie Bocanegra, Adu und Onyewu im eigenen Team. Gern wird auch erwähnt, dass der Sport zu ethnischer Gewalt führt. Und da wäre noch das Totschlag-Argument: „Der Sport ist einfach langweilig.“ Die Weltmeisterschaft zeigt, dass dieser Klassiker bei vielen Amerikanern nicht mehr zieht.  In gewisser Weise hat Soccer einen festen Platz im erweiterten Sport-Menü der Amerikaner erobert. Und das, obwohl der Fußball immer noch ein Szenario parat hat, das dem actionverliebten US-Sport-Fan unruhige Nächte bereitet: eine Partie nämlich, in der niemand punktet und es keinen Sieger gibt.

Jun
03

Vor einigen Monaten habe ich ja bereits dem Thema „Alkohol in Iowa City“ einige Zeilen gewidmet. An der allgemeinen Situation, dass sich der Downtown-Bereich hier am Wochenende in eine kleine Bourbon Street verwandelt, hat sich in der Zwischenzeit natürlich nichts getan. Doch hat der Stadtrat nun beschlossen, jedem unter 21 Jahren den Zugang zu den Bars zu verweigern – nach 22 Uhr. Während sich Moralwächter und Stadtobere davon einen großen Effekt versprechen, organisieren sich die Studenten derzeit, um die umstrittene „21 Ordinance“ noch zu kippen.

Es steht außer Frage, dass Iowa City ein Alkoholproblem hat. Wer sich Samstag Abend um 23 Uhr in die Ped Mall – die Party-Meile der Stadt – stellt, dem wird von den grotesken Dingen, die um einen herum passieren, ganz schwindlig. Trotz des guten Abschneidens in akademischen Rankings hat die Universität nunmal auch einen Ruf als Party School. Laut Playboy (ja, ich verlinke auch zu dorthin!) belegt die Uni landesweit den 10. Rang in dieser zweifelhaften Kategorie. Und nicht nur aus Iowa City strömen junge Menschen in die Bars. Es herrscht hier so eine Art Party-Tourismus, der am Wochenende Studenten aus ganz Ost-Iowa nach Iowa City zieht. Andere Colleges in Umgebung danken der University of Iowa, dass sie ihnen das Alkoholproblem abnehmen.

Doch ist die „21 Ordinance“ der richtige Schritt? Kann man das Alkoholproblem lösen, indem man alle Unter-21-Jährige einfach vom Party-Leben ausschließt? Der Stadtrat und die Universität, besorgt um den Ruf der Uni, hoffen auf einen „Kulturwandel“ in Iowa City. Die Logik lautet: einfach ein Gesetz beschließen, und binnen weniger Monate herrschen Zustände wie an der Universität von Chicago, der „führenden“ Anti-Party-Uni des Landes. Doch meiner Meinung nach greift die neue Bar-Regelung viel zu kurz. Es war noch nie eine gute Idee, Moral per Gesetz zu verordnen. Ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, dass sich Studenten durch dieses Verbot den übermäßigen Genuss von Alkohol verbieten lassen. Das glorreiche Scheitern aller Prohibitions-Versuche in diesem Land bestätigen dies. Mangels spannender Alternativen werden diejenigen, die trinken wollen, einen Weg zum Hochprozentigen finden.

An dieser Stelle lässt sich übrigens eine interessante Parallele zur deutschen Einwanderergeschichte in Iowa ziehen. So wie den Deutschen in Davenport, Iowa, im Laufe des 19. Jahrunderts aufgrund ihrer Vielzahl das Bierbrauen nicht verboten werden konnte, werden sich auch die Studenten in Iowa City durch eine bloße Verordnung nicht vom Alkoholkonsum abbringen lassen.  Ein bloßes Gesetz, von oben aufgedrückt, wird keinen Kulturwandel herbeiführen. Vielmehr sollten die Verantwortlichen den Tatsachen ins Auge sehen: für junge Menschen gibt es in Iowa City zu wenige Alternativen zum Barbesuch. Bestes Beispiel ist die Bowlingbahn hier, die mehrere Meilen außerhalb der Innenstadt liegt, gemütlich in direkter Nachbarschaft zum Flughafen gelegen.

Worüber Stadt und Universität sich lieber den Kopf zerbrechen sollten, ist die Frage, wie man Alternativen zum exzessiven Alkoholkonsum schaffen kann. Wenn man der „21 Ordinance“ keine weiteren Schritte folgen lässt, verlagert man das Problem aus der relativ gut überwachten Barsezene zu den viel gefährlicheren Hauspartys, wo überhaupt keine Kontrolle mehr herrscht. Die Oberen hier sollten sich lieber heute als morgen Gedanken darüber machen. Denn wie es momentan aussieht, wird die Verordnung nur wenige Monate währen: nämlich so lange, bis im November ein Referendum dieser kurzsichtigen Maßnahme ein Ende setzen wird.

May
22

Die meisten Studenten haben Iowa City verlassen. Es ist Summer Break an der University of Iowa. Für mich bedeutet das nicht nur das Ende eines Schuljahres, sondern auch den Abschluss meiner Studienzeit hier. Wie fast alle großartigen Erfahrungen ging auch diese Zeit eindeutig zu schnell vorüber. Ein komisches Gefühl war es, als ich letzte Woche mein letztes Projekt einreichte, denn gleichbedeutend war damit der Hauptteil meines Amerika-Aufenthalts vorüber. Nach acht Monaten Studium mit kurzer Pause im Winter muss ich allerdings sagen, dass ich mich nun auf meine freie Zeit in den letzten sieben Wochen in Iowa City und anderswo freue.

Wenn ich so auf das Uni-Jahr zurückblicke, kann ich sagen: die erste Hälfte war Pflicht, die zweite Hälfte Kür. Während im ersten Semester theoretische Kurse auf dem Plan standen, die mit etwas Glück in Mainz anerkannt werden, konnte ich mich im zweiten Semester auf das eigentliche Ziel meines Auslandsjahres konzentrieren, nämlich an meinen journalistischen Fähigkeiten zu arbeiten.

Ein Job in Iowa City hat mir dabei besonders geholfen. Denn seit Januar habe ich die großartige Gelegenheit, zweimal pro Woche bei Iowa Public Radio – Teil des öffentlichen Rundfunks in Iowa – zu arbeiten. Als Production Assistant leiste ich einen Beitrag zur Gestaltung zweier Talk Shows. Unter anderem ist es meine Aufgabe, kurze Sound-Segmente für die Shows zusammenzuschneiden (so genannte Promos und Billboards), die Sendungen nach Ausstrahlung digital zu bearbeitet und das Endprodukt dann auf den Server zu laden, wo es den Hörern als Podcast zur Verfügung steht.

Das Spannende an meiner Rolle bei Iowa Public Radio ist darüber hinaus, dass das Team mir regelmäßig die Möglichkeit  gibt, eigene Ideen für die Shows einzubringen. So konnte ich bereits wenige Wochen nach meinem Start eine eigene Radio-Sendung über vermisst gemeldete Studenten in Iowa produzieren. Letzte Woche wurde meine zweite Produktion ausgestrahlt: eine Sendung über die Ursprünge der Menschheit mit einem amerikanischen Forscher als Gast, der in Südafrika Skelette eines bisher unbekannten Urmenschen ausgegraben hat (hier ein Bericht der Süddeutschen Zeitung darüber). Für alle, die sich wundern: das Produzieren der Sendung bedeutet nicht, dass man mich  im Radio hört. Allerdings bin ich für die Gestaltung der Show verantwortlich, muss also Gäste organisieren, Hintergrundmaterial zusammenstellen und Fragen für den Moderator entwickeln. Deshalb trotzdem einmal ´reinhören. Den Link zur letzten Show gibt es hier.

Ein weiteres Projekt, dass ich im Laufe des Semesters bearbeitet habe, war die Gestaltung einer Website. Dies beinhaltete sowohl das Design als auch den Inhalt der Seite. Da einer meiner Nachbarn mit großer Begeisterung über deutsche Einwanderer in Iowa forscht, habe ich mir das Immigrationsthema für die Website ausgesucht. Meine Seite handelt von einer Gruppe Immigranten, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 nach Davenport – eine Stunde östlich von Iowa City – kamen. Mitglieder dieser Gruppe waren einige äußerst bemerkenswerte Demokraten, die in Deutschland heute leider fast in Vergessenheit geraten sind . Vielleicht kann die Seite daran zumindest ein wenig ändern. Das Endprodukt kann man sich hier anschauen.

In einem anderen Kurs, genannt Localizing Global News, ging es darum, über internationale Ereignisse mit Bezug zu Iowa zu berichten. Die Professorin war lange Zeit für CNN in Asien tätig und hat nach Ausbruch des Afghanistan-Kriegs vom Hindukusch berichtet. Man kann sich denken, dass wir durch diesen Erfahrungsschatz viele wertvolle Tipps zur Berichterstattung über internationale Ereignisse bekamen. Die spannendste Erfahrung in diesem Kurs war sicherlich, zwei kirgisische Gaststudenten wenige Studenten nach Ausbruch der Revolution in deren Heimatland zu interviewen. Der Optimismus, den diese Studenten trotz der unsicheren Lage zu Hause ausstrahlten, war wirklich bewunderswert. Meine Storys sind auf dem Blog des Kurses zu lesen.

Ich hoffe, dass sich dieser Post nicht so anhört, als wolle ich alle Welt davon überzeugen, wie toll meine Projekte doch sind. Ich dachte mir vielmehr, dass die Links einen guten Überblick geben, wie ich die zweite Hälfte meines Aufenthalts verbracht habe. Mein Ziel, praktische journalistische Erfahrung in den USA zu sammeln, konnte ich auf jeden Fall erfüllen.

Apr
26

Auf der Suche nach einer Region in den Vereinigten Staaten, die beispielhaft für die anhaltende Krise am Arbeitsmarkt steht, hat ein deutscher Auslandskorrespondent eine beträchtliche Auswahl. Er könnte nach Detroit reisen, wo die Arbeitslosigkeit bei über 15 Prozent liegt. Oder nach Salinas, Kalifornien (18 Prozent), Rockford, Illinois (19 Prozent) oder Yuma, Arizona (20 Prozent). Alles wunderbar geeignete Orte, um die anhaltende Stagnation der amerikanischen Wirtschaft zu veranschaulichen.

Klaus Scherer, der für die ARD aus den USA berichtet, entschied sich aber dazu, Iowa City zu bereisen. Der Grund dafür mag vermutlich ein Artikel in der New York Times gewesen sein, in dem er über eine Hilfsorganisation in Iowa City las, die finanzschwachen Bürgern dabei hilft, offene Rechnungen zu begleichen – und damit meine ich natürlich auf finanzielle Art und Weise. „Emergeny assistance lottery“ nennt sich das Ganze, und weil das noch nicht schwungvoll genug für eine hippe Sendung wie den ARD-Weltspiegel klingt, wo der Beitrag gestern Abend lief, wurde daraus die „Armenlotterie“ gemacht. Insgesamt war das Ganze dann ein pars pro toto für den Niedergang der Vereinigten Staaten.

Wenn ich mir den Beitrag von Klaus Scherer so ansehe , habe ich doch den Eindruck, dass ein bestimmtes Bild des Mittleren Westens vermittelt werden soll: einst die Musterregion, das Herz des Landes, die sorglose Welt – und nun im Zuge der Wirtschaftkrise geht alles bergab. Dieses Urteil ließe sich möglicherweise über Ohio oder Michigan fällen, zwei klassische Arbeiterstaaten. Zwar hat die Krise auch in Iowa Jobs gekostet, doch Iowa mit allen anderen Mittelwest-Staaten über einen Kamm zu scheren, verfälscht die Tatsachen. Obwohl das im Beitrag präsentierte Beispiel aus dem Kontext gezogen natürlich schlimm klingt, ist die suggerierte Massenarbeitslosigkeit hier noch nicht eingetreten. Im März 2010 lag die Quote bei 6,8 Prozent.

Ich hätte an dem Bericht vermutlich gar keinen Anstoß genommen, wenn der Autor die Fakten richtig präsentiert hätte. Im zweiten Satz hörte ich allerdings folgendes: „Die Arbeitslosenrate liegt bei 18 Prozent, was nicht untypisch ist nach der Krise.“ Nein – das ist gewiss nicht untypisch. Nur liegt die Arbeitslosenrate in Iowa City bei fünf Prozent, die drittniedrigste Zahl im gesamten Land. Die Universitätsstadt Iowa City blieb von den schlimmsten Auswirkungen der Krise verschont. Auf den Punkt gebracht also: ein schlechtes Beispiel, das die ARD für diesen Bericht gewählt hat.

All diejenigen, die sich durch den Beitrag Sorgen gemacht haben, ob ich hier überhaupt noch ein Dach über dem Kopf habe oder schon bei der Armenlotterie Schlange stehe, seien beruhigt. Die Welt ist immer noch in Ordnung in Iowa, auch wenn Klaus Scherer das vielleicht anders sieht.

Mar
19

ALBUQUERQUE, NEW MEXICO – Nach einigen Wochen Funkstille, bedingt durch eine hektische Uni-Phase und einen Spring-Break-Trip, melde ich mich heute aus dem Südwesten der USA zurück, wo ich eine tolle Spring-Break-Woche mit meinem Studien-Kumpel Jim verbracht habe. Vor meiner Abreise in Richtung New Mexico hatte ich keine besonders genau Vorstellung von diesem Staat. Viel Wüste und wenig los, dachte ich mir. Da sich der Urlaub nun dem Ende nähert, muss ich diese Vorstellung so ziemlich komplett revidieren. New Mexico hat definitiv eine Menge mehr zu bieten als nur Wüste.

Eigentlich sollte ich die Bilder, die ich während der Woche geschossen habe, für sich sprechen lassen. Denn die gewaltige Landschaft New Mexicos kann man wohl nur so richtig vermitteln. Da ich meine Bilder aber noch nicht am Rechner habe, müssen meine Beschreibungen fürs Erste genügen.

Eine besondere Eigenschaft von New Mexico ist die Höhe. Der nördliche Part des Bundesstaats, in dem wir uns die meiste Zeit aufgehalten haben, liegt durchweg über 2000 Meter. Während die Täler in den Wintermonaten meist schneefrei sind, kann sich in den Bergen, die bis auf 4000 Meter anwachsen, jede Menge Schnee ansammeln. Das sollten wir schon am zweiten Urlaubstag am eigenen Leib erfahren, als wir während eines Schneesturms die kurvige Bergstraße nach Los Alamos, wo Jims Bruder arbeitet und wir unterkamen, überwinden mussten. Noch höher in die Berge ging es bei einer Wandertour mit Schneeschuhen. In den Bergen rund um Santa Fe musste ich feststellen, dass einem auf über 3000 Metern die Puste ein wenig schneller ausgeht.

Aber zurück zu Los Alamos, unserer Stadt in den Bergen. Die Kleinstadt ist die wohlhabendste Gemeinde des Staats und noch immer Zentrum der amerikanischen Nukleartechnologie. Straßennamen wie Oppenheimer Drive lassen auf die bewegte Zeit während des zweiten Weltkriegs zurückschließen, als in der kleinen Bergstadt die amerikanische Atombombe entwickelt wurde. Heute ist alles etwas ruhiger, aber dennoch ist Los Alamos mit seinen Wachtürmen und eingezäunten Bereichen keine Stadt wie jede andere.

Im Tal vor Los Alamos liegt mit Santa Fe einer der magischen Orte des Westens. Die 400 Jahre alte Stadt, gegründet von spanischen conquistadores, ist berühmt für ihren Santa Fe Style. Fast alle Häuser im Zentrum sind im so genannten Adobe-Stil gebaut, bestehen also größtenteils aus Schlamm und Stroh. Das Resultat sind wunderbar ausschauende rot-braune Häuser, die mit ihren geschwungenen Formen eine einzigartige Kulisse bieten.

Während unseres Aufenthalts in Santa Fe  sind uns zudem eine Menge „firsts“ begegnet. So kann ich mit großem Stolz berichten, dass ich das älteste Haus der USA gesehen sowie die älteste Kirche und das älteste öffentliche Gebäude des Landes betreten habe. Auch kulturell ist Santa Fe etwas Besonderes. Die Innenstadt besteht zu einem Großteil aus Museen und Gallerien, wodurch Santa Fe das angenehme Flair einer echten Künstlerstadt hat. Die Gemälde, die es an jeder Ecke zu kaufen gab, lagen preislich allerdings jenseits meiner Möglichkeiten. Ein gelbes New Mexico Blechschild musste daher als Souvenir genügen.

Während Santa Fe sein historisches Gesicht immer noch sehr offen zeigt, ist Albuquerque, mit mehr als 500 000 Einwohnern die einzige echte Großstadt New Mexicos, deutlich moderner  – und architektonisch in gewisser Weise amerkanischer. Obwohl es auch hier noch einige Rückstände der spanischen Kolonialzeit zu sehen gibt, ist die Stadt doch weit mehr vom Kult um die legendäre Route 66 geprägt. Die große amerikanische Straße führte auf dem Weg von Chicago nach Los Angeles durch Albuquerque. Cafés im 50iger-Stil und bunte Neonfarben an allen Ecken lassen das den Besucher immer noch wissen.

Insgesamt hat es sich absolut gelohnt, den Spring Break nicht saufend an den Stränden von Miami oder Cancun zu verbringen, sondern eine Reise in eine Gegend zu unternehmen, von der ich bis dato wenig wusste. Die malerische Berglandschaft, die spannende Geschichte des Staates und die lebendige Kulturszene wären jeweils für sich schon eine Reise wert gewesen.  Aber umso besser, dass man hier all dies zusammen vorfindet.  Mit ruhigem Gewissen kann ich also mit meinem gewohnten Reise-Fazit enden kann: Unbedingt einmal selbst erkunden!

Feb
23

Ich werde ja häufiger ‘mal gefragt, worin denn die kulturellen Unterschiede zwischen Amerikanern und Deutschen lägen. Die Frage erscheint leicht zu beantworten, da Amerikaner ja allesamt dick, ungebildet, ultra-christlich und in ihre Waffen verliebt sind – und sind die Deutschen nicht das genaue Gegenteil? Wer auf Nuancen wenig Wert legt,  kann die Diskussion an dieser Stelle beenden. Da ich aber von solchen scharfen Trennungen nicht sehr viel halte, tue ich mich mit Pauschalurteilen dieser Art häufig schwer. Heute morgen ist mir während eines Gesprächs nach Deutschland aber ein Aspekt der zwischenmenschlichen Beziehungen aufgefallen, der die manchmal doch vorhandenen Unterschiede ziemlich deutlich machte. Hier also meine Anekdote:

Durch mein Studium an der Journalism School in Iowa muss ich so gut wie jede Woche Interviews mit Amerikanern führern. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die einem fast alle Gesprächspartner dabei entgegenbringen, ist manchmal wirklich erstaunlich. Meistens habe ich den Eindruck, dass die Leute sogar Spaß daran haben, von ihrem Beruf oder Hobby zu berichten. Und selbst wenn ich das Gefühl habe, vielbeschäftigte Menschen mit meinen Fragen zu nerven, lassen sie mich das so gut wie nie wissen. Stattdessen schieben sie auf meine wiederholten Anfragen ein „Thanks for your patience“ nach, als ob ich etwas von ihnen wollte und nicht umgekehrt. Selbst wenn die Begeisterung über meine Fragen nicht in allen Fällen aus tiefem Herzen kommt, sorgt diese freundliche Einstellung gegenüber Fremden  doch für eine angenehme Gesprächsathmosphäre.

In Deutschland neigen die Gesprächspartner eher dazu, den Fragesteller an der anderen Leitung wissen zu lassen, dass man stört. So wie heute erlebt. Als ich für einen Artikel zum Thema Windenergie in Iowa (sehr fortgeschritten für US-Verhältnisse) recherchierte, fand ich heraus, dass der Staat Iowa in Frankfurt eine eigene Vertretung unterhält, die Firmen in den Mittleren Westen locken soll. Das könnte ja ein interessantes Interview geben, dachte ich mir, und rief – offensichtlich kurz vor Feierabend – in Frankfurt an. Meine Bitte um ein Interview löste am Main Widerwillen aus und so schallte mir ein entzückendes „Jeeeeetzt??“ entgegen. Das unmissverständliche Zeichen, dass ein Interview mit einem Studenten aus den USA gerade so ziemlich das Letzte war, worauf die Dame Lust hatte.

Neben des Timings meines Anrufs wurden auch schnell meine journalistischen Fähigkeiten kritisch beäugt. Als ich der Dame mitteilte, dass ich soeben zum ersten Mal von der Iowa-Vertretung in Frankfurt gehört hatte, blieb das von mir erhoffte „Das geht vielen so…aber schön, dass sie uns nun gefunden haben“ aus. Stattdessen wurde mal salopp meine Qualifikation als würdiger Gesprächpartner in Frage gestellt. „Na da haben sie aber schlecht recherchiert!“ lautete die schonungslose Antwort auf meine Entdeckung. Das war direkt – und wäre einem Amerikaner niemals in den Sinn gekommen.

Was ist nun also der pauschale Unterschied zwischen den USA und Deutschland, der sich mir hier gezeigt hat? Auf die Gefahr hin, mich auf der Basis harmloser Beobachtungen zu weit aus dem Fenster zu lehnen, kann ich sagen:  Möglicherweise wegen der unterschiedlichen Traditionen im Hinblick auf Obrigkeiten sehen es Amerikaner als ihre Pflicht an, ihren Mitbürgern bei Fragen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, während ich das Gefühl habe, in ähnlichen Situationen in Deutschland doch von oben herab behandelt zu werden.  Selbst wenn die Menschen dabei manchmal unerhlich klingen: die erste Variante ist mir lieber. Allein schon aus journalistischen Gesichtspunkten.

Feb
05

Hier ein kurzes Update zu einem meiner letzten Einträge. SPIEGEL ONLINE hat heute einen sehr lesenswerten Artikel über die Tea-Party-Bewegung – jene Gruppierung, die den amerikanischen Konservatismus von ganz rechts aus übernehmen will – veröffentlicht. Der Artikel veranschaulicht noch einmal das zwiespältige Verhältnis der Amerikaner zu ihrem Staat, das ich vor einigen Wochen schon versucht habe zu erklären, und macht für meine Begriffe sehr gut deutlich, wie grotesk die stramm konservative Tea Party eigentlich ist.

Besonderen Gefallen hatte ich an den Kommentaren eines der Organisatoren, der Obama zuerst einen “Staatsliebhaber und Sozialist” nennt, sich dann aber echoffiert, dass sich der Präsident “wie ein Mussolini im Weißen Haus gebärdet”. Frei nach dem Motto: Sozialismus oder Faschismus, wen kümmern da schon die Unterschiede? Schließlich ist beides böse und damit wunderbar geeignet, den ersten Mann im Staat zu diskreditieren. Man kann nur hoffen für dieses Land, dass sich der Stumpfsinn, den diese Protest-”Partei” Woche um Woche herausposaunt, den Menschen irgendwann offenbar – und dass die Minderheiten-Bewegung weniger erfolgreich endet als die Kampagne einer weiteren, der Zahl nach relativ kleinen Protestlerbewegung, auf die sich die Tea-Party-Anhänger so gerne beziehen. Gemeint sind die amerikanischen Revolutionäre von 1776.

Feb
03

Am Wochenende stand ein eher ungewöhnliches Sporterlebnis auf meinem Programm: ich bin zum Wrestling gegangen. „Iowa Wrestling“ um genau zu sein, womit natürlich nicht die professionellen Wrestler aus dem DSF-Spätabendprogramm gemeint sind, sondern die echten Ringer samt Blumenkohlohren und engen Latex-Badeanzügen. Für alle, die sich nach diesen wenigen Zeilen schon wundern, warum ich mir das um alles auf der Welt denn angetan habe, muss ich gleich hinzufügen, dass das Ringen in Iowa einen Stellenwert wie in wohl kaum einem anderen Bundesstaat hat. Diesen besonderen Status konnte man in Iowa City schon wenige Tage nach der Football-Saison beobachten, als die Downtown-Bars ihre Fenster nicht mit Spielplänen für Basketball – der Nummer-Zwei-Sportart an fast allen amerikanischen Unis – sondern fürs Ringen ersetzten. Ein eindeutiger Wink, dass Iowa ohne Zweifel das wrestling country der Nation ist.

Die glorreichen Vier im Hintergrund

Den Erfolg der Uni-Mannschaft war schon beim Betreten der Arena zu bestaunen, und zwar an der Hallendecke, wo die gelben Banner mit den zahlreichen Meisterschaften der letzten 50 Jahre hingen. Seit den frühen Siebzigern, so konnte man da erkennen, verging kaum ein Jahr, in dem Iowa keinen großen Titel holte. Meistens ging sogar die nationale Meisterschaft ins Land der Hawkeyes. Da Erfolg natürlich die Massen anzieht, war die Halle mit mehr als 7000 Zuschauern auch anständig gut gefüllt. Dass sowohl Marching Band als auch Cheerleader in der Halle waren und für Stimmung sorgten, war dann noch ein weiterer Beweis für die Bedeutung des Sports in dieser Gegend. Die Zusammensetzung der Zuschauer, die an dem frostigen Sonntagnachmittag den Weg in die Halle fanden, war jedoch anders als bei Uni-Events wie zum Beispiel Basketball: mehr Familien, weniger Studenten, viele Menschen aus der ländlichen Umgebung von Ost-Iowa, was nicht nur an den Autokennzeichen zu erkennen war. Ohne große Ring-Kenntnisse saß ich also in der Halle, hatte aber zum Glück einen Freund dabei, der sich mit Takedowns, Pins und Stalling ein wenig besser auskannte als ich und mir erklären konnte, was gerade auf der Matte geschah, als ich nur noch ineinander verknotete, auf dem Boden liegende Gliedmaßen erkennen konnte. (An dieser Stelle wäre jetzt die Gelegenheit, anzügliche Witze über die teilweise recht zweideutigen Griffe und Positionen der Ringer  zu machen. Aber das ist ja hier ein grundsolider Blog.) Der Wettkampf gegen Michigan State war nur in den unteren der zehn Gewichtsklassen interessant. Denn da war die Begegnung noch offen und die Stimmung dementsprechend gut, ehe Iowa zur Hälfte schon uneinholbar in Führung lag.  Dominanz ist schon etwas Langweiliges.

So schweifte mein Blick während der zweiten Hälfte auch immer mehr in Richtung Trainerbank, denn dort geschah das eigentlich Interessante. Vier  Trainer saßen dort auf ihren Plastikstühlen. Und wie die Trainer dort an ihren Fingernägeln kauten, die Arme über dem Kopf zusammenschlugen und manchmal fast auf die Matte hüpften, übertrafen sie in Sachen Nervosität unseren Bundes-Jogi alle um Längen. In Wirklichkeit waren sie trotz des Anzugs, den jeder von ihnen trug, alle noch Ringer und bewegten sich mit ihrem Buckel und den nach vorne baumelnden Armen auch immer noch so. Dieser Anblick machte dann auch die zweite Hälfte des Wettkampfs unterhaltsam, wo auf der Matte mit Ausnahme der monströsen Schwergewichtsringer nichts Aufregendes mehr passierte.

Jan
30

Iowaner sind wetterfest, zumindest was das kalte Wetter angeht. Dies hat sich mir während der letzten Tage bestätigt, wo die Temperaturen selten aus den zweistelligen Minusgraden herauskletterten. Am Beispiel der Jogger lässt sich diese Frost-Resistenz der Leute hier am besten erklären. Gerannt wird generell viel in Iowa City. Doch sollte man ja meinen, dass die Läufer bei -15 Grad ihr Hobby doch eher in die Halle verlegen. Dies scheint aber nur wenigen hier in den Sinn zu kommen. Und so rennen die Jogger auch weiterhin durch die Straßen von Iowa City, und sehen mit der Dunstwolke, die sie hinter sich herziehen, aus wie wandelnde Hochöfen.

Ein besonders schönes Beispiel von Wetterfestigkeit begegnete mir gestern. Als ich mich in Richtung Gym aufmachte, verpackt mit Mantel, Handschuhen und Mütze  (und mir dennoch fast die Kinnlade abfiel), sprintete von links ein weiteres Exemplar des Winter-Joggers an mir vorbei – und das in kurzer Hose und ohne Handschuhe! Seine unnatürlich roten Beine schrien zwar “HOSE, SCHNELL”, doch wer als härtester der Harten gelten will, darf sich auch von kleinen Frostbeulen nicht beirren lassen. An der roten Ampel hat er seine Entscheidung für die Männlichkeit allerdings doch ein wenig bereut, hatte ich den Eindruck.

Ich glaube, dass ich weder genug Machismus aufbringen kann, noch ausreichend an das kalte Wetter gewohnt bin wie die Menschen hier, um mich dieser Tage in Sportklamotten auf die Straße zu wagen. Bis auf weiteres werden meine Leibesübungen also unter der Hallendecke stattfinden.

Jan
24

Während unseres Road-Trips kamen wir vor einer Bar in Austin mit einem jungen Paar ins Gespräch, das dem Dialekt nach aus dem tiefen Süden der USA stammen musste. Unsere Unterhaltung erreichte schnell das Politische, als der weibliche Part der Beziehung eines der Top-Themen der vergangenen Monate in die Runde warf: die Reform des amerikanischen Gesundheitssystems. Gefragt nach meiner persönlichen Einschätzung dazu erklärte ich also meine Ansicht zu diesem heiklen Thema, wobei ich darauf hinwies, dass ich eine gesetzlich verankerte Versicherungspflicht wie ich sie aus Deutschland kenne richtig finde. Die Befürwortung eines gesetzlichen Versicherungsschutzes löste auf der anderen Seite Unverständnis aus. Man könne doch ein Milliarden-Geschäft wie das Gesundheitssystem nicht in die Hände des Staates legen. Unsere Gesprächspartnerin war der Ansicht, dass dort sowieso nur Unfähige und Verbrecher zu finden sind, denen man auf keinen Fall noch mehr Machtbefugnisse gewähren sollte. Das Gesundheitssystem müsse unter allen Umständen privat bleiben, um den zerstörerischen Einfluss, den Washington ohnehin schon auf das öffentliche amerikanische Leben ausübt, nicht noch größer werden zu lassen. Nach diesem Vortrag antwortete ich nur noch, dass ihr Verhältnis zur Rolle des Staates in der Gesellschaft vielleicht etwas zu negativ sei, sah aber auch schnell ein, dass meine Einschätzungen bei einer solch strammen Konservativen nicht viel bewirken.

Die fundamentale Angst vor dem Staat, wie ich sie in diesem Gespräch erlebt habe, ist bei weitem kein Einzelfall. Beinahe täglich höre ich diese Art von Aussagen, deren Inhalt beinahe schon von paranoiden Vorstellungen zeugt. Gewöhnt an einen Staat, der große Teile des sozialen Netzes über seine Bürger spannt, klingen solche Kommentare für meine europäischen Ohren oft sehr befremdlich. Was ist denn so furchtbar schlimm an einem Staat, der die Solidarität innerhalb der Gesellschaft herstellt und dafür mit einer breiten Palette von Befugnissen ausgestattet sein muss? Obwohl wir in Deutschland ja gerne unsere Witze über das Beamtentum machen, wird der Staat trotz der oft gerechtfertigten Forderungen nach Bürokratieabbau nicht in Ansätzen so dämonisiert wie ich es in den USA erlebe. Während meiner Zeit hier habe ich mir häufiger die Frage gestellt, wie diese tief sitzende Furcht vor Vater Staat zu erklären ist? Ein wichtiger Grund dürfte in der Geschichte des Landes liegen. Schließlich lässt sich die Gründung der Vereinigten Staaten auf die Rebellion gegen eine als unterdrückerisch empfundende Zentralgewalt in London zurückführen. In der jungen Republik setzten sich dann die politischen Kräfte rund um Thomas Jefferson durch, die die persönliche Freiheit des Einzelnen betonten und die Macht des Staates so klein wie möglich hielten. Diese prägende Anfangsjahre der USA bewegen die amerikanische Gesellschaft auch heute noch, was an der allgegenwärtigen Präsenz der Gründerväter im öffentlichen Diskurs abzulesen ist.

Die immer noch breite Zustimmung findende Idee des schlanken Staates kann allerdings nicht  ausschließlich auf das Wirken der Halbgötter der ersten Jahre zurückgeführt werden. Als „immigrant nation“ haben die Vereinigten Staaten von Generation zu Generation den Zufluss von Menschen gesehen, die unter zerstörerischen Obrigkeiten gelitten haben und ihre persönliche Freiheit in den USA suchten und häufig auch fanden. Die Idee, dass die persönliche Freiheit des Einzelnen das höchste Gut der Gesellschaft darstellt, fand dadurch immer wieder neuen Nährboden. Über die Jahre hinweg hat sich diese Idee zu einem Nationalmythos entwickelt, der fester Bestandteil der amerikanischen Mentalität zu sein scheint. Davon profitieren seit langer Zeit schon die Republikaner, die sich die Forderung nach möglichst geringer Staatsmacht auf die Fahnen geschrieben haben und damit die Ansicht vieler Amerikaner treffen und verstärken. Das kritische Verhältnis zum Staat wirkt sich übrigens auch auf den amerikanischen Journalismus aus. Vielmehr als in Deutschland wird hier der investigative Journalismus gepredigt, der es sich zur Mission gemacht hat, den Mächtigen penibel auf die Finger zu schauen.

In der vergangenen Woche ist mir noch eine weitere Erklärung für das schwierige Verhältnis der Amerikaner zu ihrem Staat gekommen. Ich bin der Meinung, dass das Bild des Staates als nicht zu kontrollierender Tyrann auch gerade in Filmen und Serien verbreitet wird. Wie oft werden Staatsorgane dort als zynische Bösewichter präsentiert, die nur auf den eigenen Gewinn aus sind und sich um das leben einzelner Bürger dabei nicht besonders scheren. Dies fiel mir kürzlich besonders im Film JFK auf, wo Oliver Stone dieses Bild exakt nachzeichnet, indem er die Kennedy-Ermordung als eine von langer Hand geplante Verschwörung quasi des gesamten Staatsapparats inszeniert. Ähnliche Verschwörungstheorien lassen sich in Hunderten anderen Filmen und Serien finden und spiegeln denke ich gut das von mir beschriebene Phänomen wieder.

Natürlich will ich mich hier nicht als obrigkeitstreuer Gefolgsmann eines starken Staates hinstellen. Die Skepsis jedoch, mit der viele Amerikaner die Schaltstellen ihrer Nation beäugen, scheint mir manchmal doch etwas übertrieben. Wie mir mein erstes halbes Jahr hier gezeigt hat, ist diese  Einstellung aber fester Bestandteil der Identität dieses Landes. Die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und Europa können manchmal also doch größer sein, als man dich das meist so vorstellt. Das Thema Staat ist ein gutes Beispiel dafür.

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